UT Unter den Linden

Berlin, Unter den Linden 37

eröffnet: 1996 als Isolagraph - 20.8.1910 (U.T.)  - 6.12.1919 (Wiedereröffnung als "Lichtspielpalast)
geschlossen: nach 1919
Sitzplätze: 150 (1896) - 340 (1910) - 721 (1918)
Architekt: John Negendank (Umbau 1910)
Betreiber: Leo Leipziger & James Saloschin            1986                   Kinoname: Isolatograph
Jakob Mester                                          1986-1908          neuer Kinoname: Lebende Photographien mittels Kinematographie
Pagu                                                       1910-1918         neuer Kinoname: U.T. (Union-Theater) unter den Linden
Bioscop                                                  1919-                 neuer Kinoname: Lichtspielpalast

Schon 1896 richteten hier der Journalist Leo Leipziger und der Bankier James Saloschin in der Restaurauration "Wilhelmshallen" das älteste Lichtbildtheater Berlins namens "Isolatograph" ein. Noch im gleichen Jahr übernahm Jakob Messter das 150 Plätze bietende Kino unter dem Namen "Lebende Photographien mittels Kinematographie" als erste Vorführungsstätte seiner Produktion. Das Kino konnte dem wachsenden Konkurrenzdruck nicht standhalten und schloß um 1908 seine Pforten. Nach umfangreichen Unbauarbeiten wurde es 1910 durch die Frankfurter "Pagu" - die Ufa-Vorläufergesellschaft - wiedereröffnet.
Hierzu schrieb die "Lichtbildbühne":
Prächtiger Marmor an der Aussenfassade gibt den ersten aristokratischen, beinahe feierlichen Eindruck. Die stilreine, klassische Front wird leider beeinträchtigt durch ihre vier Bogenlampen, die deplaziert sind und durch indirekte Flächenbeleuchtung hätten ersetzt werden müssen. Das Foyer passt sich den Eintrittspreisen an: Entrée 1 Mark, Logen 3 Mark. Am Eröffnungstag blieb die Kasse geschlossen, denn ein geladenes Publikum fand sich zur Kritik ein. Direktor Goldschmidt brauchte sie nicht zu fürchten. Als er sah, daß alles gut war, da war der Zuschauerraum mit seinen 340 Plätzen bereits übermäßig  gefüllt. John Negendank als Architekt hat im kleinen, beschränkten Raum eine schwere Aufgabe zu lösen gehabt, die eine direkte Raumkunst erforderte.
In drangvoll fürchterliche Enge erwartete Alles gespannt auf das neue kinematographische Evangelium. Es wurde von dem Berliner Bühnenliebling vom "Metropol"-Theater, Jos. Giampetro, in der Form eines geistvoll geschriebenen Prologes  verkündet, für den Leo Leipziger als Verfasser zeichnete...
Der etwas enge Vorführraum hängt als Schwalbennest in der Saalnische an der Seitenenwand. Der Architekt hat auch hierfür eine gefällige Form gefunden, um das Kastenartige zu vermeiden. Innen ist alles mit größter Sorgfalt und Theater-Verständnis installiert. Der Projektionsmechanismus ist von Pathé, Lampenkasten und Stereoptikon-Einrichtung von Fischer. Ein elektrischer Vorhangöffner funktioniert vom Vorführstand aus absolut zuverlässig. Durch einen Bühnen-Schaltregulator wird das plötzliche Erhellen und Verdunkeln der Saalbeleuchtung, die Ursache der Augenschädigung für das Publikum, vermieden. Ein zweiter Apparat-Mechanismus kann bei eventuellen Betriebsstörungen im Moment mitten in der Vorstellung fast ohne jede Störung in Benutzung genommen werden. Die Widerstände mit ihrer Hitzeentwicklung sind draussen im Freien an der Mauerwand montiert. Ein kräftiger Ventilator schafft die heiße Luft hinaus, aber ein Zuführungsrohr sorgt gleichzeitig auch für frische Luft. Der Strom wird ohne Umformer direkt bezogen...
Die Saalkontrolleure haben dunkel gehaltene Livreen mit Armbinden, goldgestickt das Wort "Kontrolleur" in deutsch, englisch, französisch und russisch. Die Notbeleuchtung findet sich im Fußboden eingelegt; die darüber gelegten Läuferteppiche sind an den Leuchtstellen ausgeschnitten; die Glühbirne ist durch eine dicke Glasplatte geschützt. Eigenartig und apart wirkt die indirekte Deckenbeleuchtung.
Trotz Schmalheit des Saales hat der Architekt noch seitliche Logen einbauen können. Rechts ist sogar eine Loge, die zwei andere Stühle hat: Die hohen Lehnen sind oben schüchtern und vorsichtig mit vorläufig kleinen Kronen versehen worden.

Im Dezember 1919 wird in der Lichtbildbühne die Wiedereröffnung des Kinos unter dem Namen "Lichtspielpalast erwähnt: "Am Sonnabend, den 6. Dezember wurde das vom Bioscop-Konzern übernommene frühere U.T.-Theater neu eröffnet. Wer den langen und schmalen Bau von früher kennt, wird angenehm enttäuscht sein. Das Theater erweist sich als schönes Institut weist nach dem Umbau und Einbau eines Balkons zirka 700 Plätze auf und ist in eine wirklich gemütlichen Weise ausgestattet.. Eröffnungsfilm war Oswalds "Unheimliche Geschichten", nachdem vorher Paul Morgan einen sehr humoristischen Prolog vorgetragen hatte. Die ersten Stars, auch diejenigen, die zur Bioscop keine Verbindung haben, waren erschienen."
In der darauffolgenden Zeit scheint das Kino dann recht bald wieder geschlosen worden zu sein, in den Adressbüchern ist es jedenfalls nicht zu finden.

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